Der Mann, der seine Bibliothek erschoss
Ich erinnere mich, dass als ich ein kleiner Mensch war, da war ich der Sohn einer Mutter mit nur einem einzigen Auge und der Sohn eines Vaters mit nur einem Bein. Das andere Bein haben sie ihm im Krieg zerschossen. Ich hatte deshalb keine besondere Verwendung dafür meine Eltern zu lieben. Die meisten Eltern sind sowieso eine ziemlich katastrophale Anschaffung. Ungefähr wie eine Gebrauchsanweisung für ein IKEA Regal in den 6oern. Eines Tages kam ein Bauer aus der Nachbarschaft vorbei, klopfte mir besorgt auf die Schulter und meinte: Also du möchtest doch jetzt bestimmt noch möglichst bald ein kleines Schwesterlein? Mit den Erwachsenen ist das immer so eine Sache. Ich, habe ich höflich geantwortet, Ich will lieber einen großen Hund mit einem nassen stinkenden Fell.
Ich war schon als Kind so dumm, dass man mich sofort in eine Schule stecken musste. So läuft das eben. Man drückt kleinen Idioten eine Tafel Schokolade und eine Schultüte in die Hand und jagt sie aus dem Haus. Ich habe mich in der Schule so mies gefühlt, als hätte man mir in Flensburg den Führerschein entzogen. Aber aus Trotz habe ich ein tapferes Gesicht aufgesetzt und kein Geschrei gemacht wegen dieser Eugenik und der Viehhaltung auf harten Holzbänken. Ich stand hoffnungsvoll vor dem Pult und vor einer Lehrerin mit hochgestecktem hell leuchtendem Haar und wartete geduldig auf das Lesebuch für das erste Schuljahr. Die Lehrerin hatte ein wirklich zauberhaftes Lächeln. Ich versuchte es sofort mit einer Einladung zu einem romantischen Abendessen beim Griechen um die Ecke. Am nächsten Tag hatte ich das ganze Buch ausgelesen und gab es zurück.
Und irgendwie habe ich die Schule tatsächlich mit einer Bibliothek verwechselt.
Die Schule war grausam. Schlimmer als vegetarisches Tofu. Vergleichen Sie jetzt in der nächsten Lektion das Satelliten-Nachrichtenprogramm mit Winnetou. Was wissen wir zum Beispiel über die Lebensbedingungen von anderen Menschen die nichts zu essen haben? Hat Mick Jagger etwa Voltaire gar nicht gelesen? Alle 8 Sekunden verhungert nämlich auf dieser Welt ein frisch geborener Säugling. Und jede Stunde verschwinden 3 Tiere von dieser Erde. Suchen Sie nun im nächsten Kapitel nach anderen Exemplaren einer sozialen Moral. Vielleicht Jaques Mesrine oder Jimi Hendrix. Und vergleichen Sie doch einmal den Pariser Surrealismus mit der babylonischen Hochkultur. Unterscheiden sich so Bergen Belsen und Mauthausen? Um welches Volk handelt es sich? Winnetou mit Dr. Josef Goebbels?
Vergleichen Sie in der folgenden Übung Che Guevara mit einem Badewannenstöpsel aus der Römerzeit. Würden Sie hierbei über Zivilcourage sprechen oder über Hedonismus? Welche Schlussfolgerungen lassen sich nun daraus ziehen? Definieren Sie noch einmal Rimbaud von vorne. Definieren Sie Joris Carl Huysmanns. Würden Sie dementsprechend Auschwitz als eine zeitgemäße Komödie betrachten? Und könnte dies das moderne Theater erneuern?
Nach dem Rausschmiss aus der Schule erstaunte ich mich selbst. Nein, ich will überhaupt nicht arbeiten gehen und ich will auch nicht frühstücken müssen. Es handelt sich dabei um eine gewissen Gleichgültigkeit gegenüber der permanenten Kontrolle durch die Sprache: HASENSTALL GESUCHT. Kaninchenstall ( Boxen) zu verschenken. Oder günstig
zu kaufen gesucht. Ein rein technisches Vokabular und das genau sind auch die besonderen Voraussetzungen unserer fortschrittlichen Evolution. Von den mittelalterlichen Zünften hin zu einer landwirtschaftlichen Produktionsgesellschaft virtueller Pixel. Gambetta und Dreyfus, gewaschen mit allen Wassern, und auf allen Kanälen, überall. Und vielleicht ist diese Welt auch nur ein Ort um Reptilien und Warane vorzubereiten für den nächsten Overkill oder für irgendeine nächste Eiszeit.
Die Welt als das schäbige, kleine Büro eines Winkeladvokaten und ein schwer bewaffneter Luftpirat tritt gerade die Tür ein.
Wird auf diese Art und Weise in der Zukunft der Charakter des Beutemachens unser Leben vollständig formen? Die Welt sieht dann aus wie ein zinkgrünes Rhinozeros im Park mit einem leichten Schneegestöber auf dem Rücken, - durch das Rückfenster einer Weltraumrakete betrachtet. Meine Jugend war übrigens sehr einfach gestrickt: Ich legte mir nach und nach eine ganz ausgezeichnete Sammlung von lustigen Tierkadavern zu. Der Bildhauer dieser originellen Werke war der kleine Bruder von Blaise Cendrars. Jeden Morgen ging er hinaus in den Garten um Regenwürmer zu jagen. Er steckte die beiden Pole von einem Elektrokabel in die feuchte Erde hinein und der Strom trieb die Würmer mit einer Affengeschwindigkeit an die Oberfläche. Stellt euch einmal vor wie die kalten Grashalme im Frühnebel liegen und wir beide waten mit nackten Füßen hindurch. Das war meine Jugend. Meine Jugend war um einiges erfolgreicher als Zyklon B.
Würmer sind eigentlich unglaublich stupide, nicht wahr? Sie haben die Erdanziehungskraft nicht studiert. Sie verstehen nichts von Schopenhauer und sie begreifen nicht einmal wie man einen Farbfernseher einschaltet. Also wegen der Würmer hat man das Schwarzpulver bestimmt nicht erfunden. Bei den Würmern reicht es einfach aus mit einem Löffel in seinem Instant-Kaffee herum zu rühren und zu warten und die Würmer kommen dann ganz von alleine. Am frühen Morgen schon hat der kleine Bruder von Blaise Cendrars auf die Würmer gewartet und am Abend ist er mit seiner Angel und mit den Würmern zum See gefahren. Das haben die Würmer natürlich nicht lange ausgehalten. Habt ihr nun diesen Trick richtig durchschaut? Ein stupider Fisch hat einen stupiden Wurm getötet und wenn überhaupt irgendjemand irgendeine Schuld hat dann sind es nun einmal die Fische. Aber vielleicht war damals auch der Frühnebel etwas nachlässig gewesen und der kleine Bruder war einfach nur ein Fremdenlegionär oder ein Nazi. Und das wissen wir doch alle. Die Krauts haben ja niemals irgendjemanden selbst umgebracht.
Die schöne Frauen in den Parkanlagen und im Casino von Baden Baden riechen immer so exklusiv und teuer. Ich habe das dann in der Pubertät sofort gemerkt. Man kann sie auf dem Kannibalen-Markt des Kapitals kaufen. Eine schwarze Giaconda oder eine bleiche Israelitin. Edith Piaf die das Cafe Edith Piaf auf dem Place Edith Piaf betritt, - in der nächsten Sekunde. Die meiste Zeit zwischen Geburt und Tod folgen wir diesem Traum. Dass ein Weib ein Weib ist und dass den Hunden der Eintritt ins Paradies nicht verwehrt wird und dass Charlie Parker überhaupt nicht tot ist. Und dass wir uns alle im Hotel Pere Lachaise treffen.
Eigentlich war ich das gewesen der das mit Max Ernst an der Bar ausgemacht hat. Harold Norse kam rüber um eine Zigarette von mir zu schnorren, aber ich finde Harold Norse ist ein ziemliches Arschloch. W.S. Burroughs ist bereits nach London abgereist und die Frau von Paul Celan kritzelt an Radierungen herum für die der arme Paul sich dann einen Haufen literarische Komplimente einfallen lassen muss. Ginsberg ist in Tanger. Neal Cassady in einer Gefängniszelle in Kalifornien. Ich habe Bryon Gysin gebeten mir etwas Leinwand und Farbe auszuleihen. Und ich habe einen Brief an Ken Kesey abgeschickt. Nimm mich bitte mit vorwärts in den Nebel! Wir schreiben jetzt das Jahr 1957. Und wenn Brigitte Bardot mich nicht unverzüglich und auf der Stelle und unsterblich liebt werde ich Gertrude Stein mit einem Buch über die schönsten Wiener Sahnetörtchen erschlagen.
Aber trotz all meiner Büchern die ich seither gelesen habe bin ich letztendlich ein Mensch ohne jeden Nutzen geblieben. Ich wechsle niemals das Hemd oder die Unterhosen. Ich habe niemals im Straßenbau unter der heißen Augustsonne den flammenden Teer eingeatmet und ich habe niemals meine nackten Füße bedeckt. Mein Rücken und mein Bauch bleiben ungewaschen. Ich sammle die Antworten die mir begegnen und ich empfinde keine Liebe. Unter all den Militaristen unserer Stendhalianer und unserer Nietzscherianer und unter den Impressionisten bin ich nur ein Herumstreuner und ein Vagabund. Sagt den gewissen Himmeln einfach, dass ich ihr Dienstpersonal zum Teufel gejagt habe.
Bereits im Alter von zweieinhalb Jahren musste ich mich deshalb das erste Mal übergeben. Möglicherweise weil ich plötzlich verstanden hatte, dass ich dieser Welt ausgeliefert bin. In dieser Nacht hatte ich tief und fest geschlafen mit schönen Träumen von einem Baumhaus und ich bin eigentlich nur dadurch aufgewacht, dass das Erbrochene aus meinem kleinen Mund heraus lief. Meine Eltern schliefen im Zimmer nebenan und es war Frühling. Ich erinnere mich an den süßlichen Geruch in den Ästen des japanischen Baums vor meinem Fenster und an einen kleinen Strauß frisch gepflückter Feldblumen unten auf dem Küchentisch in der Küche. Nachts konnte man das Geschrei der Igel im Liebestaumel hören. Und die meisten Vögel waren wohl noch in Afrika. Ein einsamer Lastwagen fuhr über die Landstraße - die Reifen tief in den Regen gepresst.
Es war genau die richtige Zeit um sich den Magen aus dem Leib zu kotzen.
Eine weiße, bleckende Wunde. Nicht, dass mich dieser Zustand nach der Geburt erstaunt hätte. Ich begutachtete sorgfältig das Erbrochene auf dem Bettlaken. Es war das Gemälde einer Frau die mit einem Glas warmer Milch eine Treppe herab stürzt und sich das Genick bricht. Ich hätte die Hand danach ausstrecken können und dieses Gemälde berühren. Nebenan schliefen meine Eltern. Ich war zweieinhalb Jahre alt und ich stand auf und zog das Bettlaken ab und faltete es sauber zusammen und ich legte es ordentlich zusammengefaltet in einem korrekten rechten Winkel neben das Bett. Und dann fuhr ich damit fort geboren zu sein. Ich schlief friedlich wieder ein weil ich müde davon war mich zu erbrechen und weil die Vögel immer noch in Afrika waren und weil die Hoden von einem abgestochenen Stier jetzt in einem Restaurant in Almeria auf einem Teller liegen und weil der Mond schwarz war.
Und das war der Frühling.
Im allgemeinen sagt man, um einmal mit Mallarme zu sprechen, dass die Jagd nach Worten in einem leeren Zimmer die perfekte Abwesenheit jeglicher Inkarnation bedeutet. Und dies innerhalb von einem Organismus der sich das Universum nennt. Ein Universum zusammen gesetzt aus Kasernierung, dem Schleifen von Kadetten und aus Verdächtigungen und Verhaftungen. Die Anpassung also an die natürliche Umgebung. Ihr meint, das ist zynisch? Aber ja. Das Universum ist schließlich eine harte Pornographie. Und es ist ganz bestimmt kein Ort an dem heutzutage irgendjemand noch einmal eine Montgolfieren zu den Sternen hinauf fahren möchte. Und trotz all der Bemühungen, als die Amerikaner dann endlich auf dem Mond gelandet sind, da war William Blake schon längst dort gewesen.
Blake hatte das gesamte Universum auf seine materielle Beschaffenheit reduziert, auf eine Ikone, auf einen Fetisch, auf ein Konzept. Auf eine digitale Sprache in digitalen Kolonien. Das kleine Kastrationstheater um die Ecke wo ein minderwertiger Gott medizinische Dossiers
anhäuft über das Verhalten von Parasiten in einem mit Speckwürfeln getarnten Irrgarten.
Also das was wir letztlich dann eine Folklore nennen.
Man sollte die Concierge unseres Heimatplaneten deshalb einmal danach beurteilen, wie ihre Frisur aussieht, wenn ein neuer Erdenbürger ihr zerwühltes Bett besteigt. Sieht der geile Schmollmund dieser Frau etwa aus wie eine bauchnabelfreie Tätowierung oder liegen ihre Augen eher über dem Kopf wie ein toter Hering den man darauf festgenagelt hat? Doch das sind die minderschweren Verbrechen. Ein offen stehender Mund mit Zähnen so weiß wie ein blank polierter Hintern. Das ist eindeutig: Schluss mit dem Busenspaß! Die Oberschenkel zu dick und die Beine zu kurz. Die Haare heraus gezupft und die Wimpern angeklebt. Findest du nicht, dass meine neuen Implantate immer noch viel zu klein sind? Und dass meine großen Ohren viel zu hässlich sind? Und die Schamlippen zu heilig und der Anus zu eng.
Wie die Kühe in Indien!
Nach dem Tod des Jazz müssen wir nun bedauerlicherweise alle nach einem Weg suchen um alleine alt zu werden. Das Verschwinden unterbricht uns in unserer Trägheit. Für Sekundenbruchteile. Und dann ist auch das vorüber. Bloß nicht sich einmischen! Man trägt ein langweiliges Leben wie eine frühe Glatze in der Jugend. Oder wie lange fettige Haare aus einem Musical. Bloß nicht die Nase in die Korruption der anderen reinstecken. Niemals bekennen auf welcher Seite man steht. Auf keinen Fall etwas riskieren.
Einfach nur artig bedanken. Habt Dank für das großartige Exil. Habt Dank für die unermüdliche Diaspora und den Holocaust. Habt Dank für die lausige Eiscreme und für das freundliche Lächeln das aussieht wie eine Walnuss. Und habt Dank für einen wirklich ganz besonderen Planeten, der uns Vorschriften darüber macht, dass ein Gedanke den Straßenlärm stört.
Wer sind wir, woher kommen wir und wohin fahren wir in Urlaub? Über das Wochenende hinaus aufs Land. Oder in ferne Länder. Eine Bildungsreise in Angelegenheiten der Massaker und der Fortschritte in der Erd-Geschichte der Hominiden. Vielleicht auch um verträumt an einer Hibiskusblüte zu riechen. Les fleurs de Hiroshima. Bunte Papierblumen auf dem Rücken eines dreibeinigen Esels in Bagdad. Und danach? Setzen wir die Reise fort. Nach Carlsruhe - North Dakota. Wir durchqueren ohne anzuhalten in der Air-Condition das Nürnberger Reichs-Parteitags-Gelände oder den Himalaya. Das eine wie das andere ein Tausendjähriges Reich mundgerecht für den Übertritt zum Buddhismus oder als Mitgliedsausweis in irgendeiner Partei. Und abends setzen wir uns dann alle zum Dinner zusammen. Weiß gedeckte Tische unter Palmen. Sanfte Klänge aus dem einheimischen Harmonium und aus nordischer Vollzugsvollstreckung und Platznot.
Ich habe allein deswegen niemals mit den Händen getötet. Nur einen kleinen Vogel im Garten, den habe ich mit den Händen getötet. Es gab einfach zu viele Bäume dort. Dort in diesem Garten. Der Vogel irrte mit einem heraus gerissenen Flügel herum und er taumelte über eine klaffende Wunde in einen nahen Abgrund. Niemand hat mich gebeten darauf Rücksicht zu nehmen. Selbstverständlich wollte ich diesem erbärmlichen Tier helfen. Aber ich bin kein Söldner und ich war noch nie mit meinem Bajonett in den Gedärmen eines anderen gewesen. Es war eine schmutzige Sache. Als hätte ich einen Baum gefällt nur um ein schlechtes Gedicht auf ein Blatt Papier zu schreiben.
Im Sommer bin ich immer auf die Berge hinauf gestiegen. Aber ich habe nie die Seele eines Berges mit einem Fotoapparat belästigt. Ich habe nie einen Berg gestohlen. Ich habe nicht einmal Amerika am Ende einer langen Seereise entdeckt. Amerika war schon da, lange bevor ich ankam. Ein Land wie eine Schreibmaschine auf der die Buchstaben A, I, X und P einfach fehlen. Barbusige Mädchen rennen dort mit Farben bunt bemalt über den Campus der Universität von San Francisco, singen bizarre Lieder und demonstrieren gegen Napalm-Bomben in Indochina, nicht wahr?
Und die Künstler dort sind Maschinen oder Gebrauchsartikel. Sie widmen ihre Kunst dem schwarzen Ingenieur aus dem Senegal.
Der Ingenieur hat übrigens einen kleinen Ratgeber geschrieben mit dem völlig idiotischen Titel: HOSEN KAUFEN BIS ZUM TOD & ABNEHMEN OHNE ENDE. Ich habe dieses Buch sofort mit einer kleinen tschechischen Pistole erschossen. Schlagen wir doch einmal dieses Buch unter dem Kapitel DAS ALTER ALS VERMEIDBARE KRANKHEIT auf: Plötzlich war Sophie in einem schwarzen Wolga verschwunden. Ein Maschinengewehr blieb auf dem Asphalt zurück. Das ganze geschah in einer irrsinnigen Geschwindigkeit.
Ich nehme mal an es waren die gleichen Typen die im letzten Monat ein Büro der Einwanderungsbehörde überfallen haben. Später hörte ich im Radio die Nachrichten. Die Polizei hatte sich einer religiösen Sekte angeschlossen und nahm die Verfolgung per Autostop auf. Die Strecke betrug exakt 14 Kilometer Reifengummi und 64o Meter Nackenschweiß. Der Motor explodierte in der Nähe von Marseille und drei der Polizisten und eine Pizza Meeresfrüchte wurden mitten in die Zuschauermenge geschleudert.
Es gab ein paar Dutzend Tote und der schwarze Wolga entkam.
Und irgendjemand hatte der Presse gesteckt, dass Jaques Duclos es nicht einmal für nötig gehalten hatte seine Schlägertruppe darüber zu informieren, dass es nun durchaus an der Zeit wäre einem schwarzen Ingenieur aus dem Senegal einmal gelegentlich an einer Wand des Gare du Nord gründlich die Scheiße aus dem Kopf zu prügeln. Der Rest ist ziemlich einfach. 9 Polizisten die überlebt haben nehmen die Metro Richtung Portes de Vincennes um zurück zu kommen und Alain Poher wird zweiter Präsident der Republik.
Und natürlich befindet sich die Metro im Streik. Und natürlich regnet es in Strömen wie das immer so ist, wenn die Metro streikt. Breton hat sich bei dieser Gelegenheit einmal den Arm gebrochen. Und hinterher hat er dann auch noch jene Geschichte erfunden, er hätte sich eigentlich in Wirklichkeit seinen Arm gebrochen, als er 1931 anlässlich der Eröffnung des Kolonial-Museums eine radikale Parole an eine Mauer schreiben wollte: Das französische Croissant ist in erster Linie der Dekonstruktivismus der nationalen Buttervorräte und diese alberne österreichische Errungenschaft des türkischen Halbmondes in Wien sollte nicht so mit dem Gehirn krümeln!
Elouard musste in dieser Nacht ziemlich lange warten bis die Ambulanz kam. Die Ambulanz war blond und Bretons Haarfarbe war immer noch brünett und Breton fragte die Ambulanz nach ihrem Frisör und Elouard fragte die Ambulanz nach einem guten Rezept um Breton auch noch den anderen Arm zu brechen. Welchen Vornamen würden Sie persönlich einem Stinktier geben, wenn es Zahnschmerzen hat und wenn es die ganze Nacht lang weint?, erkundigt sich Breton gerade bei einem Passanten der ihn an seinen Vater erinnerte. Der Passant zieht höflich seinen Hut. Elouard wirft dem Passanten ein paar Münzen in den Hut und Breton fällt dem Passant mit seinem eingegipsten Arm um den Hals, küsst ihn ab und nennt ihn zärtlich Mein Vater. Oh mein Vater aller Stinktiere.
Das politische System hat sich nämlich selbst nicht mehr richtig im Griff: Frauen mit drei Brüsten als Pforte der Galaxie. Organhandel und intelligente Prothesen als neue Organisationsformen. Ritualisiert, kontrolliert und mit vorgestanzter Halbwertszeit. Eine völlige Unterschiedslosigkeit von Barbarei und Verführung. Und das Schicksal tritt auf als geschlachtetes Opferlamm in der willkürlichen Hand griechischer Götter die sich ein Späßchen daraus gemacht haben das Separee mit diesem Liebesmahl für einen drittklassigen Fick auszuschmücken. Nicht einmal ein ganzes Büro voller gut bezahlter Anwälte könnte da irgendjemanden zur Rechenschaft ziehen.
Ich habe einmal mit einem Fischer drüber gesprochen. Der Fischer sagte: Du musst
ein molliges Fischlein kräftig aus dem Wasser ziehen und zusehen, dass du so schnell wie möglich wieder in den Hafen zurück kommst. Alles andere kannst du vergessen. Donner rollte gerade über das Meer und ein fürchterlicher Wind kam auf. Es ist ein hartes Geschäft
ein Fischer zu sein, sagte ich, Mumifizierung und Deformation, nicht wahr?
Aber Gott ist ja nicht tot, er fängt nur an etwas merkwürdig zu riechen.
Aus solchen Gründen habe ich mir dann doch lieber Bücher als Freunde gesucht. Aphorismen und kluge Rezepte für den raschen Wechsel evolutionärer Zufallstreffer. Na ja, ich habe dadurch wenigstens gelernt im Sitzen zu pinkeln. Natürlich. Es sollte deshalb sogar ein Zeichentrickfilm über mich gedreht werden. Zusammen mit Brigitte Bardot. Ich habe ihr sofort die Koffer zum Wagen getragen und dem Chauffeur Bescheid gesagt. Schließlich wollen wir ja nicht in einem Militärlaster am Drehort ankommen. Es wurde eine amüsante kleine Reise. Und der Film kam später unter dem Titel AUSSTIEG AUS DER KAPSEL in die Kinos. Brigitte Bardot hielt während der ganzen Vorführung meine Hand und ich war parfümiert wie ein fliederfarbener Rosenstrauch.
Immer wieder rannten streikende Arbeiter aus den Renault Werken durch das Bild.
Der Film wurde trotzdem ein Flop.
Und mein Heimatplanet ging inzwischen völlig in seinem Beruf auf: Belustigen wir doch einmal die Kannibalen, meine Damen und Herren und liebe geschätzte Kollegen. Wünschen wir der Großstadt ein großes Herz und einen guten Appetit. Bravo und Applaus für die Großstadt mit ihren hohen Wolkenkratzern. Und Bravo und Applaus für die Mitglieder im CLUB INTELLEKTUELLER TALIBAN. Amerikanische Wohltätigkeitstanten haben nämlich inzwischen für junge Mädchen eine Kosmetikschule in Kabul eröffnet. Eine pittoreske ovale Form der Entwicklungshilfe. Haben Sie darüber schon einmal nachgedacht. Und irgendwo im Universum ist auf irgendeiner Milchstrasse ein drehbarer Deckel aufgeschraubt, auf dem steht einfach nur HUNDEKLAPPE. Wenn Sie wollen kann man das dann auch noch in der Encyclopaedia Britannica kultivieren. Dafür sollte man sich ruhig einmal 4oo Jahre Zeit nehmen. Schließlich ist ein innerstädtisches Hinweisschild für eine Babyklappe auch nur ein anderes poetisches Wort für den globalen Situationismus oder für die Möse einer Frau.
Veronique, zum Beispiel hat so eine Möse. Sie öffnete die Beine, gerade mal 17 Jahre alt und eine wahre Quelle altdeutscher Minnesänger und mit rosig gerundeten Bäckchen. Ich fand ihre Möse dennoch reaktionär. Weil meine Ansichten die typischen Ansichten von einem Snob sind? Veronique warf mir einen wütenden Blick zu und verschwand auf der Treppe. Schade eigentlich. Ich habe mir sofort auf einem kleinen Notizzettel das entsprechende notiert. Bei meiner nächsten Wiedergeburt war es dann soweit. Ein Haufen Ärzte standen im Kreissaal um mich herum und eine Hebamme tätschelte gerade meinen Hintern. Stolz zeigte ich den mitgebrachten Notizzettel herum:
FAHRRAD! SCHLITTSCHUHE! LOTTOGEWINN!
Na Also. Das Meer, das ist ein Kubus aus weißem Beton. Gleich an der Seite neben 5 automatischen Pommes Frites Maschinen. Aber ich wollte schon immer einmal das Meer sehen. Ich bin zu Fuß dort hin gelaufen. Ich lief barfuss. Schuhe sind einfach viel zu schnell und ich weigere mich das Opfer zu sein einer viel zu schnellen Geschwindigkeit. Viel schneller als Sie sich es überhaupt jemals vorstellen können. Ich wiederhole das noch einmal weil es eine Sache von ungeheurer Wichtigkeit ist für mich. Selbst der Schnee ist viel zu schnell wie er da herunter fällt an einem trüben Novembernachmittag. Es war plötzlich als wäre dieser November krank geworden noch bevor er rechtzeitig am Meer ankommt. Als würde dieser November einen dazu einladen in irgendeinem Winkel dieser Welt zu sterben. Warum auch nicht, habe ich geantwortet. Der Schnee ist nur eine von den vier Jahreszeiten die uns begleiten. Die anderen drei heißen der Fortschritt, die Mehrwertsteuer und das Fräulein. Ich erinnere mich nicht einmal wozu ich das gesagt habe.
Vermutlich fehlt mir einfach nur ein bisschen Disziplin.
Ein paar Typen im Trenchcoat kamen am nächsten Tag vorbei und haben in den Ecken herum geschnüffelt. Was machen Sie eigentlich so hier in dieser netten kleinen Stadt? Wahrscheinlich suchen Sie einfach nur eine farbige Postkarte mit den Sehenswürdigkeiten aus dieser Gegend. Gewissermaßen als Andenken für unterwegs. Weil Sie es doch bestimmt eilig haben, nicht wahr? Klar. Sicher. Dafür haben wir volles Verständnis. Sie werden ja nicht einfach von so weit her kommen nur um in unserer netten kleinen Stadt irgendwelche Schwierigkeiten zu machen. Wir tragen Ihnen dann schon mal eben die Zahnbürste zum Wagen runter. So etwas machen wir doch gerne für jemanden der nur kurz zu Besuch ist.
Wir packen Ihnen auch noch schnell ein T-Shirt ein für Ihre Mutter. Sehen Sie den aufgedruckten Thorax? Und die linke Brust ist vollständig entblößt. Eine enorm große und weiche Brust, wie ein Projektil das ins Auge eintritt. Sie können diese entblößte Brust sogar elliptisch falten oder noch ganz andere Dinge damit anstellen. Wenn Sie zum Beispiel mit dem Fuß kräftig dagegen treten spritzt ein feiner, dünner Strahl warme Milch heraus.
Ohne jeden Zweifel, das ist ein Trikot das meiner Mutter gefallen wird. Aber diese Typen im Trenchcoat haben dann doch nicht genügend bedacht, dass meine Mutter unverzüglich damit in die National-Bibliothek hinein spaziert ist um nach einer Erst-Ausgabe von Albert Camus zu fragen. Wozu ist Camus eigentlich gestorben, Madame?, wollte die dicke Bibliothekarin mit der dicken Hornbrille wissen. Und unter welchen Umständen, Bitte. Gebunden oder geleimt? Camus mit oder ohne Groß und Klein-Schreibung? Und wollen Sie vielleicht nicht doch lieber ein Buch von Guy de Maupassant um ihre linke Brust damit zu bedecken, während ich nach dem Camus suche. Der Buchstabe C kann ja nicht allzu weit von hier entfernt sein. Sie können ja solange ein paar pathologische Bemerkungen über die Architektur in unserem Lesesaal machen?
Hast du den Vollmond gesehen, Mutter? Nein, das geht ja auch gar nicht. Ich habe den Mond mit Tipp-Ex zugestrichen. Dafür habe ich dann 1 Woche Hausarrest bekommen. In der Woche darauf gab mir meine Mutter immer wieder Geld für neue Hosen und ich kam jedes Mal mit einem Stapel Bücher zurück. Am Schluss lief ich in zerschlissenen Hosen herum und mein Kinderzimmer war zugestopft mit einer Bibliothek voller Bücher über die Erfindung von Kaninchen-Milch und über anderen Unfug. Dabei war ich als Säugling noch recht niedlich gewesen. Man hat mich in einer herumirrenden Weltraumkapsel gefunden. Es dauerte 3 Tage diese Kapsel aufzuschweißen. Ich hatte sogar noch etwas Heimaterde unter dem Daumennagel. Und ich war sehr stolz darauf ohne Umschweife zu verkünden, dass ich gerne wieder in meinem alten Beruf arbeiten würde. In allen meinen Abschlusszeugnissen ging es übrigens um einen Wagenzug mit 4o prallbusigen Lehrerinnen, die unterwegs waren um in einen kleinen Goldgräberkaff ihre Haare frisch zu ordnen.
Wie schon gesagt, ich hatte eine Menge Erfolg damit, da wo ich her komme.
Man hat mich auch nach den verschwundenen Astronauten gefragt, aber ich habe nichts dazu gesagt. Und dann kamen auch noch ein paar Abgeordnete von der Gewerkschaft vorbei und bestanden darauf, dass ich in die Partei eintrete. Ich habe ihnen ein großes Dankeschön gesagt für dieses nette kleine Picknick in einer bürgerlichen Absteige und gemacht, dass ich so schnell wie möglich davon komme. Die Gewerkschaft hat nämlich zusammen mit den Bauern ganze Ladungen Orangen und Auberginen ins Meer gekippt um gegen irgendeinen Genozid in Bosnien zu protestieren. Ein ziemlich albernes Oberammergau in einem Land in dem es genügend Trüffelpastete und genügend Weißweinsoße gibt. Finden Sie nicht?
Und überall plärrt auch noch seit über 3o Jahren das gleiche Liebeslied aus den Radios.
Der Song handelt von einer ziemlich alten aramäischen Story und von einem Mann und von einer Frau. Der Mann verlässt seine Frau und dann bereut er es, dass er es gemacht hat. Also für mich ist dieses Lied wirklich nicht so gut wie man es überall sagt. Aber alle fahren darauf ab, als hätten sie ein Dutzend Austern gegessen und fangen sofort an zu heulen. Erinnern Sie sich noch an diese Szene mit Mayerling & Wittgenstein in dem Refrain? Die Gospelsängerinnen im Hintergrund sind anbetungswürdig! Man ist sofort bereit die Wohnzimmertür hinter sich zuzuschlagen und sein Leben umzukrempeln. Ich kenne ein paar Typen die haben deswegen sogar ihre Abgeordneten-Ämter in der Opposition niedergelegt. Und was ist dann danach aus ihnen geworden?
Ein schlecht bezahlter Motorradpolizist auf der Autobahn A8 bei Würzburg.
Man kann eben den Lauf der Dinge nicht aufhalten. Wenn Sie zum Beispiel in New York frühstücken wollen, dann müssen Sie Paris um spätestens 15 Uhr auf dem Flughafen Orly verlassen. Das ist schon irgendwie lehrreich. Nicht wahr? Aber ich landete stattdessen auf einer Intensivstation im Krankenhaus. Nein, das hat überhaupt nicht das Geringste mit meinem schlechten Karma zu tun. Ich hatte vermutlich einfach nur einen kleinen Unfall. Die Zuschauer jedenfalls waren sehr widersprüchliche Zeugen. Der Eine behauptete ich wäre beim Tennisspielen in Moskau auf einem gelben Ball ausgerutscht. Und der Andere war steif und fest davon überzeugt ich wäre beim Besuch einer Kirche von einem Deckengemälde herunter gefallen. Mehrere Algerier hatten spontan Beifall geklatscht und einen anwesenden Sportjournalisten mit Tomaten beworfen.
Ich wurde sofort wegen übertriebener Pornographie und wegen der Verherrlichung von Gewalt zu 15 Tagen Gefängnis verurteilt, ohne Bewährung. Eine ältere Dame aus der Nachbarschaft fing an zu schreien und der Gerichtspräsident klopfte mit seinem Hammer auf den Tisch und bat sie wieder ruhig zu sein. Niemand sonst war überzeugt, dass ich eines Tages ein großartiger Dichter sein werde und die Sportjournalisten sind sofort zu den Telefonen gerannt um ihre schmierigen Berichte durchzugeben. Es gab wenig zu meiner Verteidigung zu sagen. Ich fand, dass ich nicht von Natur aus ein schlechter Mensch war. Ich hatte lediglich in letzter Zeit etwas zu viel getrunken und ich wurde vermutlich schäbig bezahlt dafür.
Wieder in Freiheit lungerte ich nur noch herum, trug ein schickes Hemd mit hoch gekrempelten Ärmeln und verpasste einer Frau eine Ohrfeige. Das war alles. Vielleicht habe ich auch noch ein bisschen Opium geraucht. Es kann ja schließlich auch nicht jeder wissen wie man in einem noblen Restaurant an einem fein gedeckten Tisch mit einer Hummerschere und einem Champagnerlöffel zurecht kommt. Man hat mir sofort Veronique gerufen und ihr gesagt, dass ich in einem schweren Anfall von Wahnvorstellungen etliche moderne Plastiken von der Wand gerissen hatte. Sie sahen für mich aus wie linksgedrehte Bananen. Wissen Sie, wenn man mich nicht sofort abtransportiert hätte, dann hätte ich selbstverständlich meinen Mechaniker aus der Garage zu Hilfe geholt. Der bringt so etwas leicht wieder in Ordnung.
Das mit der modernen Kunst tut mir natürlich leid. Ich schickte dem Künstler einen Apotheker mit einer Schnellbild-Kamera. Und Veronique bekam ein Dutzend Blumen. Bei dieser Gelegenheit habe ich dann Veronique gebeten mit mir die Nacht in Fontainebleau zu verbringen. Ich hatte schon das Bett frisch bezogen, die Kopfkissen eingeölt und die Fensterscheiben geputzt. Um halb 7 morgens habe ich damit angefangen und 17 Stunden später war ich recht zufrieden damit. In dieser Zeit trieb sich Veronique in den Boutiquen herum und suchte für mich nach einem Stoffbären mit diagonalen Streifen. Frauen sind wirklich etwas sonderbar und ich sah mich bereits mit dem diagonalen Bären auf einem hölzernen Stuhl vor dem frisch bezogenen Bett stehen um Veronique leidenschaftlich die Gründe für den Streik der Hafenarbeiter zu erklären.
Der Streik hatte diesmal im Hafen unten angefangen und seit 1o Tagen hingen die Vorräte für unser Land auf den Kais fest. Und wenn Sie es ganz genau wissen wollen: Diese verdammten Hafenarbeiter waren schon unzuverlässig als Noah noch mit seiner Arche herum getingelt ist.
Veronique schaute mich mit einem Schlag an wie ein israelischer Reisepass in einem von Palästinensern entführten Flugzeug. Plötzlich war sie wild entschlossen kleine Katzen zu retten. Sie nannte die beiden kleinen Katzen Kant und Hegel und zerrte mich auf eine Hochzeit von einem schwulen Frisör mit einem schwulen Jimmy Roopers. Noch so eine Komödie, die die Weiber gerne spielen. Man sollte Veronique einmal einen schwarzen Schnurbart mit Schuhcreme aufmalen und sie so photographieren. Wie einen arabischen Kameltreiber oder einen jungen Emporkömmling im Vatikan. Wie denken Sie darüber?
Oder haben Sie womöglich irgendwelche Probleme damit?
Man sollte sich diese Frage unbedingt mehrmals hintereinander stellen. Und Sie sollten auch einmal auf die Durchsagen aus den Bordlautsprechern achten: Wir haben jetzt die neutrale Zone überflogen und nähern uns im Landeanflug einem netten kleinen Ferien-Camp. Überall stehen schon die Lageraufseher bereit mit ihren grünen Augen und mit ihren neuen Kostümen. Sauber, geschniegelt und maskulin.
Und der Lager-Kommandant hat eine winzig kleine Nase.
Was würden Sie da als nächstes tun? Sehen Sie, die Platzanweiserin trägt einen frischen Eidotter im Knopfloch. Sie begeben sich jetzt also einfach unaufgefordert zurück auf ihren Sitzplatz und halten einfach den Mund. Bevorzugen Sie irgendeine Fluglinie? Haben Sie Feinde? Was wollen Sie über ihr Leben überhaupt heraus finden? Und was besser nicht? Fühlen Sie sich deswegen gelegentlich überflüssig, ratlos oder so idiotisch wie eine schlechte Werbesendung? Soll ich Ihnen nun vielleicht einen Plastikbecher mit dünnem Kaffee vorbei bringen oder eine gekühlte Schlafbrille? Wir schauen jetzt einfach mal in ihrem Handgepäck nach. Vielleicht finden wir dort noch ein Tütchen Kokain und eine winzig kleine Nase zum wechseln.
Nehmt vor allem ein paar gute Freunde mit auf diese Reise: Henri, Kropotkin und Susi Peugeot. Susi ist sehr populär und überall beliebt. Und um ehrlich zu sein, sie ist ein bisschen verrückt. Sobald es anfängt zu regnen, reißt sie sich die Kleider vom Leib und fängt an mitten auf einer Schnellstraße den Lastwagen zuzuwinken. Schnallen Sie Bitte Ihre Sicherheitsgurte fest an. Halten Sie sich rechts auf dem Seitenstreifen! Ist Ihr Blinker wirklich in Ordnung? In meinen Augen ist sie damit ungeheuer sportlich. Viel sportlicher als der Zweite Welt-Krieg und noch viel sportlicher als das Breitleinwand-Kino. Glauben Sie mir, Susi hat sogar das Diplom von einer FERNSCHULE FÜR INTERGALAKTISCHE BAGATELLSCHÄDEN. Eines Tages hat sie mich angeschaut und mit fester Stimme gesagt: Als kleines Mädchen war ich überzeugt davon dass ich ein Fahrrad bin! Man muss vermutlich eine ganze Menge Hormone durcheinander bringen bis man so etwas von sich behauptet.
In der Grundschule hat sie mir einmal gebeichtet, dass sie mich liebt. Sie hat ganz ruhig meine Hand genommen und mir tief in die Augen geschaut. Es war eine richtige Krise. Ich konnte es einfach nicht fassen. Eine intelligente Frau würde niemals auf mich herein fallen und eine Kuh die so dumm ist das zu tun kann ich wirklich nicht brauchen. Ihre Augen blinkten mich an wie 2o Tassen Kaffe und 3 Zigaretten Haschisch gleichzeitig. Sie hatte nicht das geringste Gespür dafür an einem Zebrastreifen anzuhalten. Ich legte behutsam meinen Mantel über ihren Kopf, so als würde sie gerade mitten auf dem Platz der Siegessäule völlig nackt einem Kaninchen zuwinken.
Ich habe ihr dann trotzdem mein Dreirad geschenkt. Sie wollte damit nämlich unbedingt im Louvre die Impressionisten anschauen. Und es war ihr einfach nicht gelungen einen verbeulten Lastwagen mit einem bulgarischen Lastwagenfahrer an den Museumswärtern vorbei zu schmuggeln. Können Sie ein bisschen näher rücken?, sagte sie zu dem bulgarischen Lastwagenfahrer. Vielen Dank, mein Lieber. Und hinterher wollte sie dann auch noch von mir eine Antwort warum der bulgarische Lastwagenfahrer sich so plötzlich aus dem Staub gemacht hat. Dabei hatte sie doch nur auf dem Trottoir vor einem um Almosen bettelnden Kriegskrüppel Pipi gemacht.
Dieser bulgarische Lastwagenfahrer ist eben nicht mit dem weiblichen Teil seiner Sexualität klar gekommen, teilte sie mir mit. Und ihm war etwas kalt, da habe ich ihm meinen neuen Mantel gegeben. Jedenfalls die eine Hälfte davon. Die ist jetzt unterwegs um syrische Erdbeeren nach Konstantinopel zu liefern. Die andere Hälfte bewahre ich übrigens in meinem linken Schuh auf. So, und gibst etwas Gas. Siehst du diese enge Gasse dort hinten. Halte dort an und lass den Motor laufen. Warte hier auf mich. Ich will einen kleinen Delacroix stehlen. Du weißt schon, dieses Gemälde mit einer dunkelhäutigen Frau in ihrem reich bestickten islamischen Kopftuch.
Ich muss unbedingt einmal meine Religion wechseln.
Aber für so etwas habe ich wirklich keine Zeit. Ich war nämlich mit einer Bande katholischer Schwesternschülerinnen verabredet für eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Einige von diesen Schwesternschülerinnen können für Jesus ja 3o oder 4o Kilometer am Stück laufen, ohne auch nur ein einziges Mal anzuhalten. Veronique war auch dabei und schon nach zwei Tagen hatte sie sich den linken Finger verletzt und blutete irgendeine Flüssigkeit aus den Handflächen. So etwas ist sehr symbolisch, würde ich sagen. Also ist es besser wir nehmen das Schiff dorthin.
Außerdem habe ich nicht genügend Geld für das Taxi. Veronique will aber unbedingt Taxi fahren. Unterwegs nehmen wir einen Tramper mit der schon ziemlich müde aussieht. Der Tramper sagt er heißt Jean le Taxi und er will erst einmal ins Kino. Ich und Monsieur Jean le Taxi nehmen also den Autobus Richtung Innenstadt um ins Kino zu gehen und steigen zweimal um. Es ist ein wirklich außergewöhnlicher Film. Das wahre nordkoreanische Cinema und ich liebe diese Sequenz über alles in der Lilly zu dem kleinen Obersturmbandführer aus dem Afrika Corps sagt: Danke, ich habe wirklich keinen Appetit und der Obersturmbandführer sagt: Dafür reicht unser Geld gerade noch.
Aber den ganzen Film über musste ich an Susi Peugeot und an ihren Regenmantel denken.
Und dann wollte ein Hund Monsieur le Taxi beißen. Es war ein Hund der aussah wie eine frisch aufgeschnittene Bärenschwarte und er hatte ziemlich traurige Augen. Sehen Sie, Monsieur, es macht ihn glücklich sie zu beißen, sagte ich. Und er hat tatsächlich anbetungswürdige perlweiße Zähne. Übrigens hatte der Hund den etwas merkwürdigen Kosenamen Petit Saddam. Ich umarmte den Hund und liebkoste ihn und flüsterte ihm zärtliche Dinge ins Ohr. Man trifft ja selten einen Hund der so gut die Marseillaise singen kann und seine Vorführung auch noch mit einer kleinen Tanz-Einlage begleitet. Das ist wirklich erstaunlich wenn man einmal bedenkt, dass die Marseillaise ursprünglich ein Song war der für eine Militärkapelle in Straßburg komponiert wurde.
Um Himmels willen, welches Geschlecht hat denn dieser Hund?, wollte Monsieur le Taxi sofort wissen. Gar keines, antwortete ich, Dieser Köter ist eindeutig eine Tunte. Geboren am 16. Februar in der Bischofsstadt Worms. Entzückend, sagte Monsieur le Taxi. Wenn ich mich einmal vorstellen darf: Mein Name ist Jean le Taxi. Der Hund hörte schlagartig auf ihn zu beißen. Jean le Taxi. So wie Jean Paul Sartre? Oder gar wie La Fontaine?, erkundigte sich der Hund nun höflich. Er fand Monsieur le Taxi gleichermaßen amüsant wie die Bisswunden in dessen Bein. Eigentlich nicht, überlegte Monsieur Jean le Taxi. Vielleicht noch am ehesten wie der von mir überaus geschätzte Privatgelehrte Jean de la Bruyere. Ich sehe ihm nämlich zum Verwechseln ähnlich. Zumindest ein ziemliches kleines bisschen ein wenig jedenfalls, fügte er hinzu.
Wie La Bruyere habe auch ich glückliche Ohrläppchen und wie er hatte auch ich in meiner Jugend eine feste Anstellung als Advokat am Obersten Gerichtshof. Ich habe seine Theophraste Übersetzungen im Original gelesen, erwähnte der Hund, aber ich bevorzuge lieber Bücher aus dem Senegal. Die meisten Ingenieure aus dem Senegal schreiben ganz hervorragende Bücher. Da habe ich dann wohl die Beherrschung verloren. Wir mussten deshalb für die Rückfahrt nach Paris ein Ruderboot mieten. Das zerbissene Bein von Monsieur le Taxi und das blaue Auge von dem Hund passten einfach nicht mehr in den Autobus hinein.
Wir versuchten es zuerst mit einem Holzpferde-Karussell vom Jahrmarkt, aber schließlich mieteten wir doch das Ruderboot. Unter Deck richtete ich einen Schlafsaal ein um die katholischen Schwesternschülerinnen unterzubringen. Und für die Kombüse schnitzte ich dem Hund einen hölzernen Schöpflöffel. Wir erreichten Paris im Westen bei Saint Germaine en Laye. Es war nicht einmal so weit wie ich gedacht hatte. Gerade mal 23 Kilometer oder 2o Minuten auf einem Elektro-Tretroller. Die Luft roch jetzt eindeutig besser. Ich schmiedete bereits Pläne das Vorderdeck zu einem Hausboot auf der Seine umzubauen.
Steuerbord ist der Ausschank und rechts der Weinkeller. Und neben den Toiletten gibt es einen kleinen Vorführraum für psychedelische Tierfilme. Aber ich werde noch überall Schilder aufstellen müssen: Unsere Welt ist offenbar in Eile dahingesudelt! 48 Stunden hat der Hund dann hart dran gearbeitet das dann auch noch ins Dänische zu übersetzen und einen Stecker zu finden für meine albanischen Hip Hop Platten. Die Halteverbotsschilder für Schwerkrafttransporte waren hingegen ziemlich einfach. Ich habe sie mit Wasserfarben einfach auf die Decksplanken aufgemalt.
Eines Tages werden wir mit dem Boot sogar bis nach Amerika reisen. Kannst du schon die Grashalme von Walt Whitman riechen?, habe ich den Hund gefragt. Ich kann das Licht über Manhattan riechen, sagte der Hund, es riecht wie ein in billigen Ölfarben gemaltes Flugzeug. Es ist nun an der Zeit, dass wir unsere bunten Kostüme zur Begrüßung anziehen, sagte ich zu dem Hund. Und am Ende unseres Lebens werden wir dann nach Nizza zurückkehren. Wir werden zurückkehren nach Dijon in der Bourgogne. Nach Clermont Ferrant in der Auvergne oder nach Reims in der Champagne.
Alles wird anders sein, aber es wird so sein wie gewohnt.
Alles soll so bleiben wie es ist.
Und niemand von uns wird jemals zurück finden in die Heimat.
Alles Gute für deine Absichten, sagte der Hund.
Ich ging hinunter in die Bibliothek. Meine tschechische Armeepistole lag auf dem Arbeitstisch und ich erschoss drei von den Bücher die ein schwarzer Ingenieur aus dem Senegal geschrieben hat. Der Hund war ziemlich erschrocken und zuckte zusammen. Ein dünner Rauch zog über den Einschusslöchern dahin und kalte Kaninchen-Milch tropfte irgendwo in eine leere Schale. Die anderen Bücher schauten verdutzt. In dieser Nacht fasste ich endgültig den Entschluss als Experte für experimentelle Archäologie in eine andere Gegend unseres Universums auszuwandern.
Ich wurde jetzt überall steckbrieflich gesucht.
wolf pe.hlke 2oo3